Mein Leben

Mein Name ist Hannah. Ich bin 41 Jahre, Polizeibeamtin und vorübergehend suspendiert. Ein „so genannter“ tragischer Vorfall hat mein Leben zerstört, seither leide ich unter Angstzuständen!

Ich will mir selbst helfen! Deshalb schreibe ich.

Nicht um zu vergessen - aber um zu verstehen.

Hannah

Donnerstag 12. Januar

Wo fange ich an? Meine Angstzustände werden als LCD_10 F4..20 beschrieben.

Das hilft mir nicht weiter den tragischen Vorfall zu verarbeiten. Tragisch, was für ein belangloses Wort.

Worte können nicht beschreiben was ich fühle …

In 13 Tagen soll ich meinen Dienst wieder antreten, aber von meiner früheren Stärke ist nichts geblieben. Ich bin ein Trümmerhaufen von verschobenen Gefühlen und wiederkehrenden Ängsten.

Alleine der Gedanke an draussen bringt meine kleine Zelle zum Drehen wie ein Hamsterrad.

Ich stolpere und es reißt mich mit. Die Zentrifugalkraft zieht mich an den Rand.

Mein Kopf fällt auf den Tisch und ich bin wieder da.

Ja, ich brache Hilfe und ich hoffe, das hier hilft mir.

Freitag 13. Januar

Bin aufgewacht als der Morgen graute. Mal wieder Schlag sechs hab ich die Augen aufgerissen, entlassen aus dem Frieden einer traumlosen Nacht. Blieb zunächst auf der Matratze liegen und schaute mir in dem Dämmerlicht die Kindertapete an der Wand an. Wie wohl das Kind war, dass hier gelebt hat?

Plötzlich saß er auf eine der Kisten und beobachtete mich. Brode. Bierflasche in der Hand, den Kragen seiner dunklen Jacke hochgeklappt, als sei ihm kalt. Er saß da, nahm einen Schluck und lächelte mich an. Ich hatte gehofft, ihn losgeworden zu sein. Weißdorn hatte das nicht ausgeschlossen, dass Brode nie wiederkehrt, dass mit dem neuen Zuhause die Visionen aufhören. Aber Weißdorn hat sich geirrt.

Da sitzt Brode und trinkt sein Bier. Bereit loszuschießen und mein Leben zu zerstören.

In der Therapie habe ich gelernt mit meinen Dämon umzugehen, ruhig zu bleiben, mich auf anderes zu konzentrieren, bis er verschwindet. Aber dass er in meiner neuen Wohnung zwischen den Kisten erscheint haut mich so um, dass ich sie spüre: die Panikattacke, die mich gleich ergreifen wird. Wie eine Welle spült sie mich weg. Mein Puls ist auf Speed. Die Amygdala meines Hirns feuert Impulse ab, als müsse ich vor dem Teufel fliehen. Das einzige was hilft: ich zähle manisch Hauptstädte auf. Accra, Rom, Moskau, Djakarta, Washington, Madrid, Harare, Buenos Aires, Rabat, Athen, Lima, Antananrivo, Funchal,

Kopenhagen, Canberra, Brasilia, Berlin, Berlin, Berlin...ich spüre wie es abebbt, das Gefühl gleich schreien zu müssen. Als ich hinschaue ist Brode in irgendeine Windung meines Hirns verschwunden.

Ich ziehe mich hastig an und stehe auf der Straße. Ich brauche Zucker. Für heut ist es vorbei.

Doch mein Dämon wird wiederkehren. Wann kann ich ihn besiegen?

Samstag, 14 Januar

Ich wohne jetzt also in Kreuzberg. Ein Steinwurf von meinem Haus entfernt. Mein Haus ist an ein schwules Paar mit Hund, der sicher meinen Garten verwüsten wird, vermietet.

Die Blutflecken an der Wand wurden übermalt. Die Blutlache, die auf dem Boden sickerte, musste abgehobelt werden. Man unterschätzt, wie schwer sich Blut entfernen lässt.

Mein Hab und Gut steckt in zwanzig Kisten. Den Rest meines Lebens hab ich ausgemistet. Alles, was ich nicht brauche, werde ich bei Ebay verkloppen. Wozu Kleidung, die ich nicht mehr tragen werde? Wozu Bücher, die ich einst gelesen habe? Sollen andere mit Bruce Chatwin nach Patagonien ziehen. Ich kann ja ohne Hilfe an manchen Tagen nicht mal eine Strasse überqueren.

Ich bin eine Schlange, die ihre Haut abwirft. Die gibt es dann auf Ebay.

eBay

Sonntag, 15 Januar

Sonntage sind schrecklich, aber Montage sind schlimmer. Der Montag liegt bleiern vor dir, du weißt, dass du noch eine ganze Woche Scheiße vor dir hast. Dienstage sind freundlicher – man hat den Montag überstanden. Mittwoch sind wieder schlecht, denn man ist erst Mitten in der Woche, obschon man keine Lust mehr hat. Donnerstage gehen: immerhin naht der Freitag. Freitage sind gut. Freitage sind die besten Tage. Samstag ist ein Tag voller uneingelöster Versprechen. Sonntage sind schrecklich.

Ja, ich war wieder in der Klinik:

Weißdorn hat sich gar nicht von Brodes Rückkehr beeindrucken lassen. Ich vermute, dass er mir nicht geglaubt hat. „Hannah, du darfst hier nicht Zuflucht suchen!“ meinte er lakonisch. “Such dir einen anderen Therapeuten, geh zurück zu deinem Job und ruf endlich deine Tochter an.“ Er hat mich von den Gruppensitzungen ausgeschlossen, also bin ich in den Speiseraum., wo bis auf Rosi, niemand saß.

Eines der wenigen Dinge, die mir wichtig sind, ist meine Kamera. Ich bin in den Park gegangen und habe fotografiert. Nichts besonderes, aber es entspannt mich.

Habe die Bilder auf Flickr gestellt.

Später fiel mir auf welchen Tag wir heute haben. Heute wäre Zoe 17 geworden. Heute standen ihre Eltern an ihrem Grab. Mit meiner Tochter Laura an ihrer Seite. Meine Tochter, die lebt. Ihre Tochter, die tot ist. Und sie haben mich verflucht.

Flickr

Montag, 16 Januar

Bin eben die Post durchgegangen, die ich in den vergangenen Tagen gekriegt hab. Darunter war eine Karte von Max. Der einzige, der mich mal besucht hat, auch wenn sie ihn nicht zu mir ließen. Aber ich habe es dann doch erfahren und ihn kurz im Dezernat angerufen. Als ich seine Stimme hörte, konnte ich nicht sprechen und legte auf. Für Sekunden stand mein Herz still.

Ich weiß, dass es mal ein Leben davor gab. Eines mit so genannten Freunden, die zu feige waren, um hier her zu kommen. Mit einem Haus in Tempelhof, mit einem Job, einer Dienstwaffe, Jahresurlaub, Kinobesuchen, und all so was. Aber ich spüre es nicht, dass Leben davor. Ich spüre die Angst, wenn ich nachts aufwache und mein Herz rast und ich nicht weiß, wie es jemals wieder in einem gesunden Takt schlagen soll.

Dienstag, 17 Januar

Zoe starb, weil Brode mich töten wollte. Es war ein Unfall, sagen alle. Aber Laura kann mir nicht verzeihen, dass ihre beste Freundin meinetwegen nicht mehr lebt. Man wird verrückt, wenn ein Kind, dass man ein Leben lang kennt in deinen Armen stirbt.

Es war ein Unfall und dennoch: ich glaube mir nicht...

Es stellt sich die Frage: wie konnte mich Brode Zuhause aufspüren?

Mittwoch, 18 Januar

Ich war in meiner Wohnung. Ganz alleine. Ich habe Kisten ausgepackt und Fotos von Laura als Kind gefunden. Sie sah so schön aus, blonde Locken und Augen groß wie zwei Monde.

Im Fensterglas spiegelt sich plötzlich Brode, diesmal grinst er. Ich schaue seine Spiegelung an und sage laut: „Willkommen Zuhause“. Als ich mich umdrehe, ist er verschwunden.

Donnerstag, 19 Januar

Heute kam die Hamm, um sicher zu stellen, dass ich in sechs Tagen wirklich meinen Dienst antrete.

Ich: „Hamm, Sie müssen verrückter sein als ich, wenn Sie glauben, dass ich es länger als zwei Tage ertrage.“

Sie: „Von Hamm, Mangold, so viel Zeit muss sein!“

Sie meint es ernst, unsere geliebte Oberstaatsanwältin. Weiß der Geier warum, aber sie will, dass ich wieder Ermittlerin werde. Ohne Schusswaffe, ohne Führerschein, ohne Dezernatsleitung.

Sie: „Wir brauchen Ihren Kopf, nicht Ihre Fähigkeiten an der Waffe...“

Ich: sprachlos, was soll ich antworten? Dass ich nach allem was passierte ernsthaft daran denke mich als Yogalehrerin ausbilden zu lassen.

„Weißdorn kann mich nicht gesund schreiben, solange ich Tabletten gegen Panikattacken nehme!“

Die Hamm lacht: „Dann müsste ich ja die Hälfte der Belegschaft austauschen...“

Ich klopfe an Weißdorns Türe und platze in irgendeine Besprechung, die er hat und frage ihn (unangemessen laut), ob er die Hamm hier her bestellt hat. Statt einer Antwort bläst er Rauch in den Raum und grinst mich an.

Ich werde nach der ersten Nachtschicht zitternd wieder vor der Klinik stehen. Bettelnd um Tabletten...

Freitag, 20 Januar

Freitag ist mein Lieblingstag. Immer schon gewesen. Selbst als Dezernatsleiterin machte ich freitags eher Schluss und war spätestens um sechs Zuhause.

Manchmal frage ich mich, wie Ulf es wohl handhabt, die Leitung des Kommissariats. Aktan und Max sind sicher froh, dass jetzt wieder ein Mann regiert.

Als Frau hast du bei der Abteilung Kapitalverbrechen Null Chancen auf Karriere. Die Hamm hat mich damals befördert, weil sie ihre Frauen-Quote heben wollte.

Ich bin irre, aber nicht dumm.

„Du musst den Job ja nicht machen“ hat Max damals bemerkt. Recht hatte er. Aber ich wollte. Ob sie wohl an mich denken?

Habe nichts von Svenja gehört, obschon ich sie angerufen habe und ihre Mailbox voll von meinem Gejammer sein muss. Entweder ein Mann oder ein Rückfall.

Für uns gibt es keine Rettung.

Samstag, 21 Januar

LAURA HAT MIR GEMAILT!!!!! Kein große Sache, aber es ist die erste Mail seitdem ich hier bin. Ich habe meine Augen wund gelesen, die Mail lautet:

„Habe heute eine Goldmedaille in 100 Meter Delfin gewonnen! Hugs, Lauri“.

Ich habe 1000 verschiedene Antworten geschrieben und keine abgeschickt. Sie kamen mir zu banal, zu schwülstig, zu mütterlich, zu verrückt, zu klettig, zu bedürftig vor. Ich wollte eine coole, gesunde Mail schrieben. Aber ich habs nicht hingekriegt.

Jetzt ist es Nacht und ich habe Laura nicht gesagt, wie stolz ich auf sie bin und wie glücklich mich ihre Mail gemacht hat.

Und dass sie das Schönste ist, was es in meinem Leben gibt.

Sonntag, 22 Januar

Bin in einem Wald, den ich nicht kenne. Plötzlich kann ich nicht weiter gehen. Als ob meine Beine Wurzeln schlagen. Um meine Kehle windet sich ein Strick und dreht mir die Luft ab. Während mein Herzschlag in meinen Ohren pocht, färbt sich mein Blick schwarz. In mir die Kugel, die Brode abfeuert und die mich niederstreckt. Neben mir Zoe, die verblutet. Ich zerspringe wie Glas auf Marmor.

Schrecke aus dem Traum hoch.

Immer noch keine Nachricht von Svenja. Was ist mit ihr?

Montag, 23 Januar

Im Supermarkt unter meiner neuen Wohnung, treffe ich auf Aktans Mutter. Mein Herz rast, als ich sie erkenne. Sie wohnt um die Ecke. Aktan stellte kam sechs Monate vor Brodes Anschlag. Seine Eltern begleiteten ihn zu seinem Einstand. Dabei stellte sich heraus, dass Dondü, Ulfs Frau, Aktan seit seiner Kindheit kennt. Ich weiß noch, dass mich das ärgerte. Ich wollte nicht, dass man mir Vetternwirtschaft vorwirft. Max machte sich über mich lustig: „Wenn das dein größtes Problem ist, gratuliere ich dir!“. Manchmal denke ich an Max, der immer alles auf den Punkt bringen kann.

Der neue Chef sei gut, sagt Aktans Mutter und etwas piekst in mir dies zu hören.

Weißdorns neue Pillen gegen die Panik wirkten nicht so wie ich es will.

Sie nehmen nicht den Schmerz vor dem Leben.

Dienstag, 24 Januar

Die Pillen wirkten definitiv nicht. Musste aus der Wohnung fliehen, weil ich nicht atmen konnte, rannte in den Supermarkt und verschlang noch am Regal eine ganze Tafel Nugatschokolade. Dann nahm ich ein Taxi in die Klinik.

Rückfall

Weißdorn: „Hannah, du bist gesund genug, um alleine zu leben! Du spinnst einfach nur ein bisschen...“

„...Hast du Laura geschrieben?“

Ich: „Nerv nicht, Doc!“

Weißdorn: „Du hast die Beziehung zu Laura schon vor dem Anschlag verkackt...sieh zu, dass es nicht schlimmer wird!“

Ich: “Klugscheisser!“

Weißdorn: „Das ist mein Job!“

Dann bringt er mich zur Türe. Svenja holt mich ab.

Abends sortiere ich noch Fotos die ich geschossen habe, das beruhigt mich. Seltsam, aber durch das Objektiv kann ich die Welt ohne Angst betrachten. Die Welt ist ein trauriger Ort.

...

Ich habe Angst! Heute geht es los, heute wird sich zeigen, ob ich es schaffe! ...

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