Freitag 13. Januar
Bin aufgewacht als der Morgen graute. Mal wieder Schlag sechs hab ich die Augen aufgerissen, entlassen aus dem Frieden einer traumlosen Nacht. Blieb zunächst auf der Matratze liegen und schaute mir in dem Dämmerlicht die Kindertapete an der Wand an. Wie wohl das Kind war, dass hier gelebt hat?
Plötzlich saß er auf eine der Kisten und beobachtete mich. Brode. Bierflasche in der Hand, den Kragen seiner dunklen Jacke hochgeklappt, als sei ihm kalt. Er saß da, nahm einen Schluck und lächelte mich an. Ich hatte gehofft, ihn losgeworden zu sein. Weißdorn hatte das nicht ausgeschlossen, dass Brode nie wiederkehrt, dass mit dem neuen Zuhause die Visionen aufhören. Aber Weißdorn hat sich geirrt.
Da sitzt Brode und trinkt sein Bier. Bereit loszuschießen und mein Leben zu zerstören.
In der Therapie habe ich gelernt mit meinen Dämon umzugehen, ruhig zu bleiben, mich auf anderes zu konzentrieren, bis er verschwindet. Aber dass er in meiner neuen Wohnung zwischen den Kisten erscheint haut mich so um, dass ich sie spüre: die Panikattacke, die mich gleich ergreifen wird. Wie eine Welle spült sie mich weg. Mein Puls ist auf Speed. Die Amygdala meines Hirns feuert Impulse ab, als müsse ich vor dem Teufel fliehen. Das einzige was hilft: ich zähle manisch Hauptstädte auf. Accra, Rom, Moskau, Djakarta, Washington, Madrid, Harare, Buenos Aires, Rabat, Athen, Lima, Antananrivo, Funchal,
Kopenhagen, Canberra, Brasilia, Berlin, Berlin, Berlin...ich spüre wie es abebbt, das Gefühl gleich schreien zu müssen. Als ich hinschaue ist Brode in irgendeine Windung meines Hirns verschwunden.
Ich ziehe mich hastig an und stehe auf der Straße. Ich brauche Zucker. Für heut ist es vorbei.
Doch mein Dämon wird wiederkehren. Wann kann ich ihn besiegen?